In der vergangenen Woche fanden zwei spannende Tage rund um das Thema Beef on Dairy und insbesondere die Rasse INRA-95 im RUW-Gebiet statt. Dazu hatten wir zwei Vertreter unseres Partners Auriva aus Frankreich zu Gast.


Der erste Tag stand ganz im Zeichen der Praxis und des persönlichen Austauschs. Gemeinsam mit unseren französischen Gästen von Auriva, einigen RUW-Kundenberatern sowie den EBB-Betreuern besuchten wir die WM Milch Sißmann GbR in Waltrop – einen Betrieb, der Beef on Dairy konsequent und in seiner gesamten Wertschöpfungskette umsetzt.
Auf dem Betrieb werden rund 360 Milchkühe gehalten, ergänzt durch etwa 300 Masttiere. Als KuhVisionsbetrieb hat die Familie Sißmann eine klare Anpaarungsstrategie: alle Färsen werden gesext nach RZ€ angepaart, die Anpaarung der Kühe basiert ebenfalls konsequent auf dem RZ€. Tiere unterhalb einer definierten RZ€-Grenze werden gezielt mit Fleischrassen besamt. Rund 60–70 % der Besamungen erfolgen so mit Fleischrassen, wobei von der 2. bis 4. Kalbung mit der Rasse Charolais und ab der 4. Kalbung mit INRA-95 Bullen angepaart wird. Alle Kreuzungskälber verbleiben auf dem Betrieb, werden dort aufgezogen, gemästet und schließlich auch vermarktet. Für die Rasse Charolais entschied sich der Betrieb insbesondere aufgrund der Hornlosigkeit sowie des großen Rahmens, den die Tiere später in der Mast zeigen. INRA-95-Bullen werden gezielt auf ältere Kühe eingesetzt, da diese Rasse leichtere Kalbungen verspricht und gleichzeitig in der Kreuzung eine bessere Mastleistung erzielt als andere leichtkalbige Fleischrinderrassen.
Die Vermarktung erfolgt ausschließlich als Direktvermarktung ganzer Tiere. Ein Großteil der Schlachtungen findet rund um das Kurban-Fest - ein bedeutendes religiöses Ritual im Islam - statt. Jährlich werden in diesem Zeitraum rund 200 Bullen sowie zusätzlich 500 bis 600 Schafe geschlachtet. Dabei suchen die Kunden sich ihr Tier individuell aus. Die Ansprüche und Ziele der Familie Sißmann hinsichtlich der Bullenauswahl und Mast sind somit anders als bei herkömmlichen Bullenmästern. Angestrebt werden bei Sißmanns Schlachtgewichte von rund 350 kg bei männlichen Tieren bei einer Mastdauer von 13 bis 14 Monaten. Weibliche Tiere erreichen ein Schlachtgewicht 240 kg – 290 kg im Alter von etwa 15 Monaten. Im Endmaststall erläuterte Betriebsleiter Martin Sißmann die Unterschiede der verschiedenen Rassen und der Beef on Dairy-Kreuzungen untereinander.
Zum Abschluss des Betriebsbesuchs erhielten die Teilnehmenden zudem einen Einblick in das betriebseigene Schlachthaus. Dieses ist gezielt auf die Anforderungen rund um das Kurban-Fest ausgelegt und berücksichtigt sämtliche religiösen Zeremonien und Abläufe, die für diese Form der Vermarktung notwendig sind.
Der Betriebsbesuch der WM Sissmann GbR in Waltrop war für alle Teilnehmenden ein eindrucksvoller Besuch, da hier deutlich wurde, wie konsequent ein Betrieb die gesamte Wertschöpfungskette – von der Zucht über die Mast bis hin zur Schlachtung – auf die Bedürfnisse seines Marktes abgestimmt hat.
Bullen im Einsatz:
Holstein: Cherub, Argentum, Pick Up, Reason RDC, Dressman P, Rock PP
Fleischrasse: Pydroo, Oziris und Othin (INRA-95), Sam PP und Taurus P (Charolais)
Am zweiten Tag des Besuchs verlagerte sich der Schwerpunkt von der Praxis hin zum strategischen und fachlichen Austausch. In Münster trafen sich Vertreter der Phönixpartner und Qnetics gemeinsam mit unseren Gästen von Auriva sowie zwei Vertretern des vit, um die Zusammenarbeit im Bereich Beef on Dairy weiter zu vertiefen.
Im Mittelpunkt stand zunächst die Vorstellung des Zuchtprogramms von Auriva, bei der insbesondere die Ausrichtung und Weiterentwicklung der Rasse INRA 95 erläutert wurde. Daran anschließend berichteten die deutschen Stationen offen über ihre Rückmeldungen und praktischen Erfahrungen mit INRA 95.
Ein weiterer zentraler Programmpunkt war die Präsentation der neuen Beef-on-Dairy-Zuchtwerte des vit. Zunächst wurden die Unterschiede der einzelnen Rassen anhand verschiedener Merkmale wie Geburtsverlauf, Kälbererlös und Kalbgewicht dargestellt. Die vorgestellten Daten zeigten dabei deutlich, dass die Rasse INRA-95 in allen relevanten Merkmalen sehr ausgeglichen vererbt und in Bezug auf die Leichtkalbigkeit durchaus mit Rassen mithalten kann, die traditionell für besonders leichte Geburten bekannt sind. Die vorgestellten Entwicklungen stießen auf großes Interesse und bildeten die Grundlage für einen intensiven Austausch darüber, wie Zuchtwerte, Praxisanforderungen und Marktbedürfnisse künftig noch enger miteinander verzahnt werden können.
Das Partnermeeting war geprägt von einem regen, offenen und sehr konstruktiven Dialog. Der intensive Austausch zwischen den Zuchtorganisationen und dem Rechenzentrum machte deutlich, wie wertvoll das persönliche Gespräch für die Weiterentwicklung gemeinsamer Strategien ist und setzte wichtige Impulse für die weitere Zusammenarbeit.
Zum Abschluss möchten wir uns herzlich bei unseren französischen Partnern bedanken – merci beaucoup für den offenen und intensiven Austausch. Wir freuen uns darauf, die Zusammenarbeit weiter zu vertiefen und Auriva bei nächster Gelegenheit in Frankreich zu besuchen.

